Stralsunder Schützen-Compagnie 1451 e.V.

Geschichte der Stralsunder Schützencompagnie von 1815 bis 1944

 Am 04. Juli 1815 wurde in Wien der Vertrag zwischen Preußen und Dänemark geschlossen. Am 23 Oktober 1815 wurde durch den schwedischen Bevollmächtigten Generalleutnant Freiherren von Boye an den preußischen Bevollmächtigten Oberpräsident Freiherren von Ingsleben Schwedisch Vorpommern übergeben. Damit war auch Stralsund Preußisch.
Am Dienstag, dem 16 November 1815, brachte die Stralsunder Schützencompagnie dem Königlich Preußischen Kommissarius Oberpräsident Freiherren von Ingsleben ihre Huldigung in Form eines Vorbeimarschs "mit klingenden Spiel und fliegenden Fahnen" dar.
Am 17. Juli 1816 wurde das Vogelschießen erstmalig unter preußischer Hoheit begangen. In der Stralsundischen Zeitung Nr. 83 und 85 wurden sämtliche Mitglieder der neuen Schützengesellschaft aufgefordert, sich an diesem Tage um 07.00 Uhr zum Ausmarsch einzustellen "und wird erwartet, dass keiner ohne dringende Abhaltung sich vom dem selben ausschließen wird."

Am 05. Januar 1818 wurde die preußische Regierung unter Oberpräsidenten Sack im Amt eingeführt. Aus Schwedisch Vorpommern war der Regierungsbezirk Stralsund geworden, der erst am 1. Oktober 1931 an Regierungsbezirk Stettin angegliedert wurde.

Der Rat war gelassen diesen Veränderungen gegenüber. Der Rat wollte die Stralsunder Verfassung vom Anfang des 17. Jahrhundert vom preußischen König bestätigen lassen. Danach wurden die Bürger Stralsunds in drei Klassen eingeteilt. Zum ersten Grade gehörten Kaufleute, Ärzte, Rechtsanwälte, Fabrikbesitzer sowie die Mitglieder der Gewandschneider-, Krämer-, Brauer-, Mälzercompagnie und Gutsbesitzer. Als Bürger zweiten Grades galten Schiffer, Notare, Musiker, Privatschullehrer und die Angehörige der vier Gewerke. Bürger dritten Grades waren kleine Handwerker wie Maurer, Fischer, Fuhrleute, aber auch Tagelöhner und Arbeiter.

Schon in den ersten Verordnungen der Stralsunder Schützen waren nur Bürger zum Dienst und zum Vogelschuss zugelassen. In nachfolgenden Ordnungen wie auch in der von 1852, konnte nur das Mitglied der Stralsunder Schützencompagnie werden, der "in selbständigen Nahrungsbetriebe steht". 1905 wurde festgelegt dass nur männlichen Bürger die ein selbstständiges Gewerbe oder dem Beamtenstande angehörten, Mitglied der Stralsunder Schützencompagnie werden konnten.
Am 01. Juli 1822 war Kronprinz Friedrich Wilhelm beim Vogelschießen anwesend und gab den ersten Schuss auf den Vogel ab. In den Jahren von 1818 bis 1938 fand regelmäßig das Vogelschützenfest statt. Nur in Zeiten von Kriegen wurden keine Schützenfeste durchgeführt. 1830 weilte das Kronprinzenpaar, welches beim Fürsten zu Putbus zu Gast war, auf Einladung des Rates in Stralsund. Die Schützencompagnie bildete bei der Abreise, ein Spalier und der Kronprinz unterhielt sich mit dem Schützenkönig Glasermeister E.Mackenthun.


In einem Buch "Stralsunds Verfassung und Verwaltung 1831" schrieb C.F.Fabricus:" Es besteht hier eine eigene Schützen-Compagnie, zu welcher sowohl Kaufleute als Gewerksbürger gehören. Es ist eine Gilde oder Innung mit ihren Alterleuten, zwei Offizieren und einen Fähnrich. Die beiden jüngsten Ratsherren sind Direktoren der Schützen-Compagnie. Alljährlich im Anfange des Julis wird das Vogelschießen abgehalten. Nachdem am Montage und Dienstage das Schützenlager auf der Stadtweide vor der Knieper Vorstadt aufgeschlagen, und am letzten Tage ein großer buntbemalter Papagey von Holz auf die Vogelstange gesteckt worden, wobei schon viele Menschen zuströmen, versammeln sich die Compagnie - Verwandten in ihrer Schützen- Uniform auf der Brauer -Compagnie(dem Gildenhause der Brauer) , und marschieren von hier in feierlichem Zuge mit Musik und Heerpauken, bei der Ratsstube vorbei und über den alten Markt zu ihrem Lager. Ihr König mit einer silbernen Kette geschmückt, voran ein Vogel und viele Schaumünzen von demselben Metalle, meist vergoldet, befestigt sind, geht zwischen den beiden Direktoren, die ihn barhaupt(mit Degen und Spitzhut in der Hand) begleiten; und vor der Ratsstube, dem Regierungsgebäude und dem Commandantenhause zeigt der Fähnrich salutierend seine Kunstfertigkeiten im Fahnenschwenken.

Vogelwiese zu Stralsund

Sobald der Zug auf der Vogelwiese angekommen ist, begrüßt einer der Direktoren die Schützengesellschaft mit feierlicher Anrede, und nach eingenommenem Mittagsmale, wird dann mit dem Schießen begonnen. Am ersten Mittage darf jeder schießen, wer gerade Neigung dazu hat, aber am Donnerstage, wo der Vogel fallen muss, geschieht dies nur nach der durchs Los bestimmte Reihenfolge. Der neue Schützenkönig, der für das laufende Jahr von allen städtischen direkten Abgaben Befreiung genießt, wird nun am Abend, in gleichen feierlichem Zuge wie beim Ausmarsche, in die Stadt zurückgeführt, und der nun folgende Schützenball auf der Brauer -Compagnie währt bis an den hellen Morgen. Somit ist das Fest aber noch nicht beendigt; vielmehr wird an die Sonnabende nachmittags noch nach dem s.g. Wettervogel geschossen und der Sonntag, wo das Schießen selbst schon aufgehört hat, ist eigentlich der Hauptfesttag.
Zwar die ganze Woche über, wenn das Wetter es irgend erlaubt, war das Schützenlager von zahlreichen Gesellschaften besucht, und es herrschte dort reges Treiben und Lust, aber auch heute ist es auch den Dienstboten allen gestattet, herauszugehen, und in unaufhörlichem bunten Zuge zu Fuß und zu Wagen, strömt es durch die Knieper Vorstadt dem allgemeinen Sammelplatz zu. Des Sonntags- nachmittags ist die Stadt wie verödet, und viele Häuser sind ohne alle Bewohner und verschlossen; aber draußen auf der Wiese tummeln sich acht- bis zehntausend Menschen in luftigen Gewirre umher.
Den schönsten Anblick gewährt das Ganze von einer etwas erhöhten Stelle des Landweges nach Groß- Kedingshagen. Im Vordergrunde erschaut man die undendlich geschmückte Volksmenge, die sich auf der Wiese vor dem Hainholze mit mancherlei Spielen vergnügt, daneben die fünfzig bis sechzig mit Flaggen, Wimpeln und Kränzen reich verzierten Gezelte des Lagers und hinter dieser schließlich die Stadt mit ihren schönen Kirchen, Vorstädten Gärten und Teichen die reizende Landschaft als Rahmen ein.
Am folgenden Tage wird nun das Lager abgebrochen, das Fest ist beendet, der ruhige Bürger geht wieder an sein Gewerbe und die zahlreichen Fremden, die unser Vogelschießen von nah und fern besuchen, kehren in die Heimat zurück."


Das Stralsunder Vogelschießen war immer wieder Treffpunkt für prominente Gäste. So war 1842 der preußische Kriegsminister und Generals der Infanterie von Boyen zu Gast. Als 1843 König Friedrich Wilhelm IV. und der dänische König Christian VIII. in Stralsund weilten, brachte ihnen die Stralsunder Schützencompagnie einen Fackelzug dar. In der Zeit der Revolution von 1848/49 waren die Geschehen widersprüchlich. Am 18. März 1848 kam es in Berlin zu Kämpfen zwischen den aufgebrachten Berliner Bürgern und dem preußischen Militär. Auch in Stralsund standen die Zeichen auf Sturm, denn viele Stralsunder demonstrierten am selben Abend durch Stralsund. In einer Druckschrift informierte die Berliner Bürgerschützengilde dass ihr Schützenhaus durch das 11. Regiment besetzt worden war. Auch die Stralsunder Schützencompagnie sprach sich in einem Brief gegen die Willkür des preußischen Militärs aus. In einem weiteren Brief an die Nationalversammlung in Frankfurt/Main forderte die Schützencompagnie die Aufstellung einer Bürgerwehr. Die in der Schützencompagnie vereinigten Mitglieder wollten eine
geringfügige Demokratisierung. Aber als die Forderungen der Bürger Stralsunds nach sozialer Gerechtigkeit immer lauter wurden, wurden die Bürgerwehr und damit auch die Schützencompagnie alarmiert. Als Ausdruck des neuen Selbstbewusstsein wurde im Jahre 1848 in Greifswald der Provinzial-Schützenbund gegründet, wo auch am 28. und 29. August 1848 das erste Schießen stattfand. Daran beteiligten sich folgende Städte: Anklam, Demmin, Grimmen, Gützkow, Loitz, Stettin, Stralsund und Wolgast.
Nach einer Entspannung der Situation entstanden im November 1848 in Stralsund erneut Unruhen. In einem Ratsprotokoll vom 19. November 1848 wurde der Bürgerwehr Unvermögen bescheinigt: "weil eine so große Menschenmasse versammelt war, dass wenn die Bürgerwehr auf diese mit gefüllten Büchsen hätte eindringen wollen, großes Unglück dadurch angerichtet worden währe.“

 

Altes Stralsunder Schützenhaus, jetzt in Privatbesitz

1849 wurde die Knieperweide kultiviert, dabei wurde für das Schützenlager Platz gelassen. Als 1851 König Friedrich Wilhelm IV. Stralsund besuchte stellte die Schützencompagnie die Ehrenwache und führte einen großen Zapfenstreich und Fackelumzug durch. Am 15. Und 16. Juli 1853 wurde das Provinzial Schützen Schießens in Stralsund durchgeführt. 14 Städte Pommerns hatten Abordnungen gesandt. Insgesamt 222 Schützen nahmen an Schießen teil. Das Vogelschießen fand bis auf wenige Ausnahmen, z.B. in der Zeit des Preußischen - Österreichischen Krieges 1866, bis in das Jahr 1914 statt. Als das deutsche Reich 1871 gegründet wurde, war die Stralsunder Bürgerschaft begeistert. 1881 wurde das Vogelschießen anlässlich des 200 jährlichen Stiftungsfestes auf den Dienstag den 19. Juli verlegt.

Der Vogel hatte folgende Aufschrift:

Heute vor zweihundert Jahren
Wo nach langen, blutigen Streit,
Wo Stralsund in Krieges-Banden
Dieses Fest ist neu entstanden,
Dieses Tages gedenkt heut!
Weit aus altersgrauer Ferne
Tönt uns der Mahnungsruf:
"Brüder lasst das Fest bestehen,
"Lasset nimmer das vergehen
"Was der Väter Geist erschuf."

Königsproklamation auf dem Alten Markt 1930

1890 begann das Vogelschießen am Mittwoch dem 9. Juli seinen Anfang, nachdem am Dienstagabend der übliche Zapfenstreich stattgefunden hatte. 1891 fing das Fest am Mittwoch dem 8. Juli an. Das Wetter beeinträchtigte jedoch die Feststimmung sehr. Der Ausmarsch zum Festplatze erfolgte wie gewöhnlich vom Rathause aus durch verschiedene Straßen, zuletzt über den Markt durch die Knieperstraße zum Festplatze. 1893 nahm das Vogelschießen am Mittwoch dem 12. Juli seinen Anfang. Der mit goldenen Flügeln versehene Vogel trug auf dem Brief folgende Aufschrift:

"Schütze, steh hier Deinen Mann,
Zeige, was man leisten kann,
laß die Politik jetzt liegen,
Heute sollst Du mich besiegen,
Schießt Du mich jetzt kurz und klein,
Kann auch Deutschland ruhig sein!"

Am Freitag, dem 19. Juni 1914 fand das letze Schützenfest für fünf Jahre statt.

In der Stralsunder Zeitung stand geschrieben:"
Das offizielle Festessen fand gestern Nachmittag ½ 2 Uhr statt. Etwa 60 Herren beteiligten sich an dem Essen, das einen von echten Schützenfestbegeisterung getragenen Ablauf nahm. Eine Reihe von Trinksprüchen trug wesentliche zur Hebung der Stimmung bei. Nach dem zweiten Gange erhob sich Herr Regierungs- Präsident Blomeyer und brachte ein hoch auf Seine Majestät den Kaiser aus. Herr Ratsherr Loeber, als Direktor der Kompagnie, hieß namens der Kompagnie die Gäste, besonders die Vertreter der zivil- und Militärbehörden und die Vertreter der Greifswalder Schützenkompagnie willkommen; sein Hoch galt dem Gästen. Herr Justizrat Langemak toastete auf den gegenwärtigen König, Herr Keselring, Herr Dehhoff, Vertreter der Greifswalder Schützenkompagnie, auf die Stralsunder Schützenkompagnie, Herr Spediteur Faust, auf den Rat der Stadt Stralsund und die beiden Direktoren der Kompagnie, Herr Ratsherr Fritsche auf die Stadt Stralsund, Herr Altermann Sandhop auf den Vorstand der Schützenkompagnie, Herr Juwelier Preuß auf unser 42. Regiment, Herr Major Eggel auf ein Fortbestehen des guten Verhältnisses zwischen der Bürgerschaft Stralsunds und dem Regiment, Herr Altermann Friedrich auf das Ehrenmitglied der Kompagnie, Herr Sandhop. Zwei Begrüßungs-Telegramme von Herrn Oberst Hesse und Herrn Oberbürgermeister Gronow waren eingegangen und wurden bei Tisch verlesen.
Kurtz nach ½ 5 Uhr wurde die Tafel aufgehoben,. Inzwischen hatten sich der weite Festplatz, mit überaus zahlreichen Gästen aus der Stadt und vom Lande gefüllt; die Schankstuben und Belustigungsstätten, namentlich die Karussells, wurden stark in Anspruch genommen.

In den Jahren 1915 bis 1919 wurde in Stralsund kein Vogelschießen durchgeführt. Viele Schützenbrüder waren an der Front oder gefallen.
Ab 1920 wurde jedes Jahr wieder ein Schützenfest gefeiert, und auf den Vogel geschossen. Die schwierige wirtschaftliche Entwicklung in der Inflationszeit Anfang der zwanziger Jahre schlug sich in steigenden Mitgliedsbeiträgen und Eintrittspreise der Schützencompagnie nieder. Bereits auf der außerordentlichen Hauptversammlung vom 7. Januar 1921 wurde eine neue Satzung beschlossen. So konnten auch Bürger Mitglied der Schützencompagnie werden, die nicht die alten Stralsunder Bürgerrechte hatten: "Hiesige bereits zwei Jahre lang ansässige Bürger..."

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann die Einvernahme der Vereine oder Verbot diese. Mit der Schützencompagnie begann man bereit am 26.09.1933. Eine Notiz in dem Stralsunder Tageblatt bestätigt dieses: "In einer außerordentlichen Generalversammlung ist die Gleichschaltung der Stralsunder Schützencompagnie auf Befehl des Kreisleiters der NSDAP Reichel durch PG D.Zillner vorgenommen worden. Die Versammlung erhob Kameraden Mahlermeister Rehberg zum Führer... somit besteht der Vorstand der Stralsunder Schützencompagnie zu 60 v. H. aus Nationalsozialisten."
Bestimmte erlassene Bestimmungen wie: "...eintretende Kameraden von SA, SS und Stahlhelm beim korporativen Auftreten der Kompagnie nach Außen in ihrer Dienstuniform tragen..." führten zu Missstimmung in der Stralsunder Schützencompagnie. 1935 musste sich die Schützencompagnie um die Anerkennung als Sportverein bemühen und am 14.08.1935 wurde eine neue Satzung angenommen.
Als am 01.01.1937 der Deutsche Schützenbund verboten wurde und an dessen Stelle der Deutsche Schützenverband installiert wurde, waren alle Gilden, Vereine u.a. automatisch als Mitglied angeschlossen.
Durch den Kreispropagandaleiter der NSDAP wurde das traditionelle Schützenfest in ein Volksschützenfest umgewandelt das 1938 und 1939 stattfand. In einem Schreiben von 03. Februar 1937 wurde: "Die einheitliche Marschrichtung Deutschland unter Führer der NSDAP erfordert unbedingten Gleichschritt aller Vereine und Verbände innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft. ...Die Programmgestaltung hat demzufolge auf der Grundlage der nationalsozialistischen Weltanschauung zu erfolgen.... also die einzelnen Vereine im Rahmen der Gesamtheit unseres Volkes ihre Aufgabe erfüllen wollen, so muss der Weg einer s t ä n d i g e n , d i r e k t e n, F ü h l u n g s n a h m e  zwischen  P a r t e i  und  V e r e i n beschritten werden."
Für einen großen Teil der alten Mitglieder war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Viele Mitglieder traten aus, ließen sich unter fadenscheinigen Entschuldigungen vom Volksschützenfest befreien und wurden inaktiv. Das letze traditionelle Stralsunder Schützenfest fand 1937 statt. Die Schützencompagnie wurde weiter in das System einbezogen. So wurde die Einheitssatzung vom des Bundes für Leibesübungen am 3 .Juli 1940 bestätigt und am 13. Februar 1943 damit ins Vereinsregister eingetragen. Die letzte Hauptversammlung der Schützencompagnie wurde 17. April 1944 durchgeführt. Damit endete die 263 jährige Geschichte der Stralsunder Schützencompagnie für 46 Jahre.