Stralsunder Schützen-Compagnie 1451 e.V.

Geschichte der Stralsunder Schützencompagnie von 1648 bis 1789

 Stralsund und Vorpommern waren nach dem Dreißigjährigen Kriege zu einer schwedischen Provinz innerhalb des Deutschen Reiches geworden.
So wurden 1655 die Privilegien der Stadt Stralsund durch Karl X. Gustav bestätigt. Darin behielt Stralsund seine eigene Gerichtsbarkeit und brauchte in Kriege keine Soldaten stellen. Da aber Stralsund Festung war, mussten die Bürger Wachdienste und andere Tätigkeiten zur Sicherung der Stadt ausführen. Von den Wachdiensten waren nur Bürger befreit, die entweder Stadtbedienstete, Angehörige des Rates oder über 60 Jahre zählten.

 Die vom Rat der Stadt Stralsund am 8. Mai 1643 gegeben Schützenordnung, welche die von 10. März 1592 ablöste, regelte die Bedingungen des Scheiben- und Vogelschusses der Schützencompagnien. Dort heißt es:"Von denselben(...jeden Bürgers oder Bürgers Sohn...), so bei Gewinnung der Bürgerschaft ihren Eid auf einen Harnisch, Rohr oder Muskete ablegen und annehmen, dreimal auf dem Schützenplatz zu erscheinen und nach der Scheibe mitzuschießen , sollen hinfür dreißig junge Bürger, sowohl im ersten als anderen Stande, so nach der Belagerung Bürger geworden oder die Bürgerschaft noch gewinnen werden, gefordert, wer aber nicht erscheint, von dem Schützendiener auf drei Mark gepfändet werden.“
1644 wurde eine Wachordnung erlassen, in welcher die Modalitäten der Dienste geregelt wurden. In Stralsund existieren zu dieser Zeit sieben Compagnien, welche nach dem mit den Kirchenspielen verwandte Quartieren benannt wurden. Jede dieser Compagnien war in sechs Korporalschaften gegliedert.
Jeweils eine Korporalschaft hielt Tag und Nacht Wache. Die Vergatterung erfolgte auf dem Hof von St. Katharinen. Von Ostern bis Michaelis geschah dies um l8.00 Uhr und von Michaelis bis Ostern bereits um 16.00 Uhr.
Die wachhabenden Bürger mussten mit Gewehr und Munition für wenigstens sechs Schuss erscheinen. Die Aufsicht über den Wachdienst lag in den Händen des Stadtmajors der auf dem Katharinenhof wohnte. Er hatte u. a. darauf zu achten, dass die Wachhabenden nicht spotteten, rauchten, tranken und spielten. Die Einsatzorte und die Anzahl der Wachtgenossen.

- 1675 wurden sie gezählt und verzeichnet - geht aus der folgenden Aufstellung hervor

1. Fähnlein St. Nicolai-Quartier Kniepertor 149 Mann
2 Fähnlein St Nicolai-Quartier Fährtor 149 Mann
3. Fähnlein St Marien-Quartier Tribseeisches Tor 159 Mann
4 Fähnlein St Marien-Quartier Kütertor 176 Mann
5. Fähnlein St. Jacobi-Quartier Frankentor 178 Mann
6 Fähnlein St. Jacobi-Quartier Frankenzingel 241 Mann
7 Fähnlein St Jürgen-Quartier Hospitaler Tor 192 Mann

 

Die Missstände bei der Wachdurchführung gingen soweit. dass der Rat am 13. Mai 1678 einen Erlass zum Wachdienst verabschiedete. Darin wurde die Bürgerschaft ermahnt, den Dienst ordnungsgemäß zu leisten, da der Feint ja vor dem Tor liegt, und nicht das Pfandgeld zu versaufen. Aber auch in der folgenden Zeit war die schlechte Dienstdurchführung noch oft der Stein des Anstoßes für Auseinandersetzungen. Besonders auch mit den Offizieren der Garnison. (Geschichte der Stadt Stralsund, 1984, Herausgabe H.Ewe,Hermann Böhlaus Nafolger, Weimar, Seite 184)


Die Anzahl der Soldaten der schwedischen Garnison betrug zwischen 200 und 300 Mann. Für diese hatten zusätzlich die Stralsunder Bürger zu sorgen.
In den Jahren 1654 bis 1679 führten die Schweden eine Vielzahl von Kriegen, von denen auch Stralsund heimgesucht wurde. Als am 18. Juni 1675 die schwedischen Truppen bei Fehrbellin den kurbrandenburgischen Truppen unterlagen, begann der Krieg sich wieder in Richtung Stralsund zu bewegen.Am 07. September 1677 landeten, nach der Vernichtung der schwedischen Flotte, die mit den kurbrandenburgischen Truppen verbündeten dänischen Truppen   auf Rügen. In der folgenden Zeit zogen sich die Schweden kampflos auf Stralsund zurück. Als am 9. Oktober ein Schreiben des Großen Kurfürsten Friedrich III. und des Dänischen Königs Christian V. in Stralsund eintraf, die Stralsund den Status als freie Reichsstadt des Deutschen Reiches anbot, lehnte der Rat ab. Im Gegenzug führte der schwedische General Königsmarks die Rückeroberung Rügens durch. Diese wurde sowohl mit Geld, als auch mit geworbenen Stralsunder Bürgern unterstützt. Am 11. Januar 1678 kapitulierten die dänischen Truppen auf Rügen, sodass sich Stralsund wieder in Sicherheit glaubte.
Aber bereits am 20. September 1678 feuerten die Geschütze der kurbrandenburgischen Truppen auf Stralsund. Zwischen den Stralsunder und Schweden entstanden starke Spannungen, denn die Stralsunder waren nicht bereit, die gleiche Entschlossenheit an den Tag zu legen wie beim Kampf gegen Wallenstein.
Am 10. Oktober 1678 begann die Beschießung von Stralsund. Durch die großen Zerstörungen und durch das Verhalten der schwedischen Soldaten waren die Stralsunder in ihren Kampfgeist erschüttert, sodass am 15. Oktober die Übergabe der Stadt an die kurbrandenburgischen Truppen und dänischen Truppen übergeben wurde.
Beschuss Stralsunds 1768 durch kurbrandenburgische Truppen und dänischen Truppen. Nach Beendigung des 1. Nordischen Krieges war Stralsund stark beschädigt. Bereits am 10. November 1679 waren die Schweden wieder Herr der Stadt.
Der schwedische Feldmarschall Gustav Otto Wilhelm Königsmark nahm, nach Rückgabe von Stralsund an die Schweden, den Bürgen mit folgenden Worten ihre Waffen: "Ihr Bürger, geht nach Hause, Ihr sollt ins künftige kein Gewehr mehr haben, und sollt auch euch dieses abgenommen werden.
Damit war die jahrhundertealte Tradition des Vogels- und des Scheibenschießen zu Ende. Erst 1681 gelang es dem Stralsunder Bürger Johann Hövet den schwedischen König Carl XI. zu überzeugen, das die Wiederherstellung der Stralsunder Schützencompagnie notwendig sei.
Am 1. März 1681 wurde die Urkunde von König Carl XI. unterzeichnet. Eine Abschrift dieser Urkunde kann heute noch im Stralsunder Stadtarchiv eingesehen werden. Gleichzeitig konnte erreicht werden dass zur Unterstützung der Schützen 100 Taler jährlich aus der Staatskasse übergeben wurden. Auch heute wird diese Tradition weitergeführt. So stiftete der ehemalige Oberbürgermeister der Hansestadt Stralsund Harald Lastowka, einen Pokal der jedes Jahr offen für alle Teilnehmer ausgeschossen wird.
"Wir Carl von Gottes Gnaden ... thuen kund hiermit, daß nachdem die Bürgerschaft in Stralsund bisher die Gewohnheit gehabt, sich in schießen zu üben, auch annoch des Vorsatzes sein, dasselbe weiter zu continuieren,... daß sie gleich den Stettinern unter sich eine Schützen-Compagnie anrichten und jährlich nach dem Vogel schießen mögen.... Gegeben Kongför, den 1. Februar 1681 " Nach dem königlichen Erlass petitionierte die Bürgerschaft, sodass der Rat am 30. Juni 1681 eine Ordnung zum Vogelschießen erließ. Drei Wochen nach dem Erlass wurde dann das Vogelschießen durchgeführt das im Hainholz am 19. und 20. Juli 1681 stattfand. Aus Stettin wurden zur Ansicht ein Vogel, eine Stange und die Statuten beschafft, sowie eine Fahne beschafft. Seit dieser Zeit ist es Bruch das der Schützenkönig eine Kette, als Zeichen der Schützenkönigswürde, trägt. Am 12. Februar 1686 erhöhte König Carl XI die jährliche Unterstützung für den Schützenkönig von 100 auf 300 Taler.
Zum 13. August 1688 wurde durch den Rat ein neue Schützenordnung erlassen, die mit kleinen Änderungen fast 250 Jahre bestand hatte.
Der Stolz der Stralsunder Bürger kommt in folgenden Passagen zum Ausdruck: "...Es wird Niemand zum schießen verstattet, er habe sich denn in die Schützenbruderschaft hinein gekauft...Es soll niemand in das Schützenzelt gestattet werden, er sei denn mit in der Schützen-Gesellschaft oder sonnst vornehme erbetene Freunde..."

Die Pflichten der Stralsunder zum Dienst in der Festung kommen in einem alten Wachlied aus dem Jahre 1706 in ironische Form zum Ausdruck.
Als zwischen Februar bis Ende Mai 1706 sechs Kompanien des Schoultzschen Regiments nach Poel verlegt wurden, musste die Stralsunder Schützencompagnie den Wachdienst übernehmen.
In den zwanzig Strophen werden die Bürger auf humorvolle Weise aufs Korn genommen, wobei der Anlass die Ausführung des Wachdienstes, menschliche Schwächen und anderes war.

 

1. O tapferes, werthes Stralsundia,
Mit was für einer facundia
Soll ich deine Bürger erheben ?
Weg London, Venetia, weg mit Namur,
Ist Stralsund nicht Rom in Miniatur?
Dieses kleine Rom soll man erheben.

...
4. Consulibus hisec tunc acta sunt haec,
Nach Poele marschierten die Schoultzschen weg,

Die Bürger mussten zu Walle,
Man kriegt die Büchsen und Spieß zur Hand,
Man scheuerte sie mit Asch', mit Oel und mit Sand,
Sie rauchten vor Eifer und Galle.

 

Die Pflicht des Wachdienstes war aber nicht, wie in der Strophe 4 zu ersehen, beliebt. Wer die 20 Strophen nachlesen will, kann in der Stadtbibliothek im Band 3 des Greifswalder- Stralsunder Jahrbuch von 1963 Seite 141 ff., dieses tun.
In den Jahren bis 1715 fand jedes Jahr das Vogelschießen als Höhepunkt in Stralsund statt. Selbst in den Pestjahren 1710/11 fand das Schießen statt. 1711 schoss sogar der polnische König Stanislaus Leszchnski bei dem Vogelschießen der Stralsunder Schützencompagnie mit.
Im Jahr 1712 rückten russische, dänische und sächsische Truppen auf Stralsund vor und belagerten es. Aus diesem Grunde wurde das Vogelschießen nicht durchgeführt. Nach 17 Wochen der Belagerung und erneuten Beschuss zogen die verbündeten Truppen ab, als die schwedische Verstärkung herannahte. Bis in den Juni 1713 war Stralsund weiträumig eingekesselt.
Im Jahre 1715, als die Schatten des Krieges am Horizont schon wieder zu sehen waren, weilte der schwedische König Karl II. in Stralsund.
Am 4. März schoss König Karl II. sechs Schuss selbst ab und stiftete Gewinne von 300 Talern und 102 ½ Lot in silbernen Bechern und Löffeln den Stralsunder Schützen.

Durch König Karl II. wurde am 24. April 1715 der Stadt " alle Vortheile, Freyheiten, Begnadigungen, Gerechtigkeiten und Privilegien" erneut bestätigt. Die Zeichen der Zeit aber standen auf Sturm. König Karl II. rüstete die Stadt auf und bereitete sie auf den erneuten Krieg vor. So waren die Preußen, Dänen und Sachsen am 14. Juli 1715 erneut vor Stralsund. Am 23. Dezember 1715 ergab sich Stralsund dem Feinde. Bis zum Jahre 1720 gehörte Stralsund den Schweden.
Erst am 2. September 1723 wurde das erste Mal nach 1715 auf dem Vogel geschossen.
Der schwedische Kommandant Generalleutnant Trauwetter wurde durch die Schützen zur Vogelwiese geleitet und nahm ebenso wie der Generalgouverneur von Pommern Graf Niklas Bielke am schießen teil.
Durch die Niederlage im Großen Nordischen Krieg gelangte ein Teil schwedisch Vorpommerns an Preußen. Stralsund wurde in den folgenden Jahren immer wieder in die kriegerischen Auseinandersetzungen Schwedens einbezogen, wenn auch diese nicht Stralsund direkt trafen. So nahm Schweden am Siegenjährigen Kriege teil und von 1788 bis 1790 fand der schwedisch - russische Krieg statt. Diese Auseinandersetzungen beeinträchtigten die wirtschaftliche Lage Stralsunds beträchtlich.
Vom 07. Bis 14. Mai 1771 verweilte der schwedische König Gustav III. auf seiner Reise von Frankreich nach Schweden mit seinem Bruder Prinz Friedrich Adolf in Stralsund. Auf dem Befehl von Gustav III. wurde das Vogelschießen am Montag; dem 13 Mai 1771, abgehalten.
Der am Vogel befestigt Brief der Stralsunder Schützen lautete:

 

"Zu solcher Höhe bin ich nur gestiegen,
zu der mich Gustavs Gnad rückte,
sey würdig, Chor, der Huld, die dich beglückt,
sey würdig du, der du mich wirst besiegen."

Der König und sein Bruder gaben die ersten Schüsse auf den Vogel ab. Im Jahre 1781 beging die Schützencompagnie ihr 100 jähriges Bestehen, dabei wurde eine neue Vogelstange errichtet.
Wie ein Schützenfest vor 200 Jahren ablief, schreibt der Chronist:
..."In jener guten alten Zeit gab es hier keinen Kaufmann oder wohlhabenden Handwerker, der sich und seine Familie von dieser allgemeinen Lustbarkeit ausgeschlossen hätte, der einzigen, welche man außer dem Wallensteinsfeste in der Sommerzeit kannte. Die Anzahl der Schützen war daher eine sehr große. Die Hauptfahne wurde von einem überaus stattlichen und angesehenen Bürger getragen .Seine Majestät, der Vogelkönig, dekoriert mit dem Ritterbande, ging zwischen zwei Senatoren..
Im Heinholze war eine lange Reihe von Schützenbuden aufgeschlagen, in denen jedermann gastfreundliche Aufnahme fand. Während des Vogelschießens blieben in der Stadt nur Kranke, sonst eilte ein jeder hinaus, um seine Teilnahme an dem Feste zu bezeigen; hoch und niedrig, vornehm und gering, reich und arm, jung und alt, alle Geschlechter und Stände vermischten sich in lebensfrohem, jedoch anständigem Gewühle...
So war es vor nunmehr hundert Jahren, 1788"